zur Startseite
EnglischDeutsch
Startseite
Hydra
Unterwegs auf Hydra
Inhaltsverzeichnis
Karte der Insel Hydra
Vorwort...
Ein Wort an Hydras Kurzzeitbesucher
WANDERWEG  1
Herrenhäuser, „archontika”
Ausgrabungen in Chorisa
Die Seefahrer von Hydra
WANDERWEG  2
Koula erzählt über ihr Leben als Hirtin
WANDERWEG  3
Aus dem Leben eines Tischlers von Hydra
Ein Rezept für „Fava”
WANDERWEG  4
WANDERWEG  5
Giorgos, der Steinmetz
WANDERWEG  6
Das Kloster der Gottesgebärerin („Theotokou”)
Die „Albaner” auf Hydra
WANDERWEG  7
WANDERWEG  8
Iannis Gavalas über die Besonderheit von Vlychos und Episkopi
WANDERWEG  9
Die Drioper
Das Fest des Blühenden Mandelbaums
Lied des Blühenden Mandelbaums
WANDERWEG  10
„Kyria Maria von den Kerzen”
Iannis Gavalas über das Leben des Eselstreibers
WANDERWEG  11
WANDERWEG  12
Tassos und das Meer
Das Buch
Anna Barry
Kontakt

„Kyria Maria von den Kerzen”
Die Tür von Kyria Marias Werkstatt ist eines abends nur angelehnt. Draußen dunkelt es bereits. Drinnen wird der Raum von einer einzigen Glühbirne beleuchtet. Überall stehen alte Schränke und Börde. An den Wänden hängen mehrere kleine Ikonen und ein altes Plakat, das die Kunst des Imkers illustriert sowie Kerzen verschiedener Durchmesser und Länge; darüber ist der jeweilige Preis angeschrieben.
In der Mitte des Raumes steht ein riesiger Kessel („kasani”) auf drei Steinen, darin eine zähe, ockerfarbene Flüssigkeit und eine langstielige Schöpfkelle. Über dem Kessel hängt ein runder Metallrahmen („trochos”), der mit mehreren eisernen Haken und Ketten an der Decke befestigt ist. Von diesem Rahmen hängen 26 kleine Haken mit nackten, etwa fußlangen Stücken von Docht. Es gibt mehrere dieser Metallrahmen mit nackten Dochtstücken; Kyria Maria bewegt sie in bestimmter Reihenfolge über dem Kessel hin und her. In der Ecke der Werkstatt steht ein Gastank, aus dessen Leitung das Feuer unter dem Kessel gespeist wird.

Es ist ein mittelalterlich anmutender Schauplatz.
Mittelpunkt dieser Szene ist Kyria Maria selbst, eine stille, sanfte Frau mit freundlichen Augen, schönem, hochgestecktem, silbergrauem Haar und langem Rock und Schürze. Wenn sie ihre Hausarbeit beendet hat, begibt sich Kyria Maria in diese Werkstatt hinter ihrem Haus und macht all die vielen verschiedenen Kerzen, die in den rund 150 Kirchen und Kapellen von Hydra benötigt werden.
Die Bereitung der Kerzen ist eine langwierige Angelegenheit: sie werden nicht getaucht, sondern jeder Docht wird so oft mit Wachs übergossen, bis die gewünschte Dicke erreicht ist. Da zwischendurch das Wachs erhärten muß, kann man sich vorstellen, daß die Herstellung einer dünnen Kerze 1 ½ Stunden dauert, die einer dicken bis zu 3 Stunden. Kyria Maria verwendet zwei verschiedene Sorten von Material: reines Bienenwachs („keri alithino”) und eine Mischung aus Bienenwachs und Stearin („migma”). Ein großer Teil ihres „Rohmaterials” kommt von nur teilweise abgebrannten Kerzen, die ihr die jeweiligen Küster der Kirchen und Kapellen zum „Recycling” zurückbringen und entsprechend Preisnachlaß für die neuen Kerzen erhalten. So auch heute bei unserem Besuch: zwei Männer bringen gebrauchte Kerzen, einer von ihnen im Auftrag von hundert Frauen, die sich jeweils um ihre „Familien”- Kapelle kümmern. Kyria Maria wiegt die „Recycle”- Kerzen auf einer alten Eisenwaage und berechnet die Differenz im Kopf, während sie das schrillende Mobilfelefon aufnimmt und hineinspricht. Keinem der Anwesenden erscheint dies merkwürdig.

Gern erzählt uns Kyria Maria, wie sie zum Kerzengießen kam:
„Ich fing damit an, als 1982 mein Mann ganz plötzlich starb und ich mit den kleinen Kindern allein dastand. Ich brauchte die Arbeit und das Geld, aber ich hatte auch Ablenkung von meinem Kummer nötig, und die fand ich in der Beschäftigung mit den Kerzen, zumal ich in den gemeinsamen Jahren mit meinem Mann viel von ihm gelernt hatte: er war Imker und Kerzengießer in der vierten Generation.


Meine Arbeit kann ich immer noch gut selbst verrichten, nur der „kasani” wird mir allmählich zu schwer. Zu Ostern und zum 15. August (Feiertag der Gottesmutter) häufen sich die Bestellungen, aber auch sonst ist das ganze Jahr über Bedarf für meine Kerzen. Ich mag den Geruch des Wachses, und durch meine Arbeit komme ich mit den meisten Leuten der Insel in Berührung. Wer nach mir diese Kerzen gießen wird? Ich weiß es nicht. Ich bin die letzte von vier Generationen. Keins meiner Kinder wird diesen Beruf ausüben. Meine Tochter hat nach Spetses geheiratet und lebt dort als „papadia”, als Priestersfrau.”
Kyria Maria sagt dies ohne Bitterkeit; sie strahlt Ruhe aus. Draußen ist es dunkel geworden, und wir brechen auf. Kyria Maria wickelt einige Bienenwachskerzen als Geschenk für uns ein und umarmt uns zum Abschied.




« Zurück

» Iannis Gavalas über das Leben des Eselstreibers

 Impressum