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Hydra
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Die Seefahrer von Hydra
WANDERWEG  2
Koula erzählt über ihr Leben als Hirtin
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Aus dem Leben eines Tischlers von Hydra
Ein Rezept für „Fava”
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Giorgos, der Steinmetz
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Das Kloster der Gottesgebärerin („Theotokou”)
Die „Albaner” auf Hydra
WANDERWEG  7
WANDERWEG  8
Iannis Gavalas über die Besonderheit von Vlychos und Episkopi
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Die Drioper
Das Fest des Blühenden Mandelbaums
Lied des Blühenden Mandelbaums
WANDERWEG  10
„Kyria Maria von den Kerzen”
Iannis Gavalas über das Leben des Eselstreibers
WANDERWEG  11
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Tassos und das Meer
Das Buch
Anna Barry
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Tassos und das Meer
Am Hafen von Hydra sind jeden Morgen mehrere Gruppen eifriger Familienväter zu sehen, die in die „kaikia”, die Fischerboote, spähen, um
sich das Beste der Ausbeute des morgendlichen Fischfangs zu sichern. Auch die Katzen warten - in gehörigem Abstand - auf ihren Anteil.

Frischer Fisch zählt in Griechenland zu den Delikatessen, und auf Hydra kauft man ihn am liebsten direkt vom Boot. Obwohl die meisten sich auf die „Profis” verlassen, gibt es doch einige Hydrioten, die vorziehen, die Herausforderung und Befriedigung des Fischfangs selbst zu erleben.

Tassos ist einer von ihnen. Er erklärt das System der Zulassung für Fischerboote auf Hydra. Zur Zeit gibt es nur 50 bis 60 Lizenzen, und die Zahl der Neuzulassungen ist begrenzt. Eine Lizenz kostet etwa 3 000 Euro. Die meisten Fischer erben ihre Zulassung, die nicht von einem Boot auf ein anderes übertragbar ist. Auf Hydra fahren 10 „kaikia”, größere hölzerne Schiffe und 7 „varkes”, kleinere Boote; hinzu kommen zwei geräumige Kutter, die mit der „Trata”- Methode und riesigen Netzen arbeiten.

Eine Kontroverse wird zwischen den Freunden Iannis Gavalas und Tassos ausgetragen: es geht um Fischerboote aus Holz oder aus Plastik. Grundsätzlich sind sich die beiden einig, daß kein Fischer, der auf sich hält, ein Plastikboot vorziehen würde. Aber diese modernen Boote werden immer beliebter, da sie leichter zu pflegen und zu manövrieren sind. Tassos‘' hölzernes „kaiki” erfordert sehr viel Mühe:
„Zweimal jährlich muß ich es aus dem Wasser holen,” erklärt Tassos, „alle alte Farbe abziehen und es mit drei Farbschichten neu streichen.” Die hölzernen”kaikia” haben Dieselmotoren, langsam aber stark; die Plastikboote werden von schnellen Benzinmotoren angetrieben und sind daher wendiger. In Hydras Gewässern kommt es oft zu plötzlichem Wetterumschwung, und dann ist es schwierig, mit einem hölzernen „kaiki” zu manövrieren.
Trotzdem: ” Wenn du Leben spüren willst”, meint Iannis abschließend, „wenn du eine Seele hast, wählst du auf alle Fälle ein hölzernes „kaiki!”


Blick auf die Meerenge Petasi

Man sagt, der Fischreichtum des Mittelmeers sei am Schwinden, aber Tassos ist anderer Meinung.
„Wenn die „Trata”-Schiffe nur für 2 Jahre aussetzen, würden die Gewässer um Hydra von Fisch nur so wimmeln! Besonders die Küste vor Vlychos ist eine hervorragende Brutstätte für alle Arten von Seegetier. Auch trotz der „Trata”-Kutter finden wir noch genug Fisch, aber es gehört Erfahrung dazu: wir Fischer haben eben unsere Geheimnisse...”
Mit diesen Worten bringt Tassos ein großes Buch herbei und zeigt uns mit sichtlichem Stolz seine Eintragungen: selbstgezeichnete Diagramme und Skizzen, die seine geheimen Angelplätze beschreiben, samt der Art von Fisch, die dort hauptsächlich anzutreffen ist.
„Trotz aller Wissenschaft”, meint Tassos, „spielt das Glück eine große Rolle: manchmal komme ich mit Rieseneimern voll Fisch nachhause, und manchmal reicht es nur für die Katze.”

Tassos besitzt ein enormes Arsenal an kompliziertem, liebevoll selbstgebasteltem Anglerzubehör, mit besonderen Konstruktionen für jede der verschiedenen Methoden des Fischfangs: lange Schnüre mit vielen kleine Haken daran; Vortäuschungen von „Beute”, die die Fische ködern sollen, zum Beispiel ein phosphoreszierender Körper mit Barthaaren, der offenbar besonders die „kalamarakia”, die Tintenfische, betört.
Es gibt bequeme und arbeitsaufwendigere Methoden des Fischfangs: die großen Netze („apoches”), die auf den Meeresgrund herabgelassen werden, um „barbounia” mit Seeigel-Köder anzulocken, brauchen weiter keine Betreuung, während die „kathetes”,die Schnüren mit den vielen Haken, ununterbrochen mit der Hand im Wasser bewegt werden müssen, um ihren Zweck zu erfüllen. Manche der „kathetes” sind bis zu 3 km lang. Sie werden für Hummer und große Fische gebraucht, die in mehr als 5 m Tiefe leben.
Eine weitere, oft angewendete Methode ist das sogenannte „pyrofani”: nachts lockt das Licht von Acetylen-Lampen die Fische aus der Tiefe an die Meeresoberfläche. Um die Wogen zu glätten und die Fische besser wahrnehmen zu können, streut der Fischer Olivenöl gemischt mit Sand auf das Wasser. Diese Methode des Fischfangs ist wie mehrere andere an bestimmte Jahreszeiten gebunden: „pyrofani” beschränkt sich auf die Monate von Februar bis Mai.
Der Einsatz von Dynamit ist streng verboten. Weil damit bis zu 250 kg Fisch auf einmal gefangen/getötet werden, ist abzusehen, wie schnell der Fischbestand erschöpft wäre. Diese Methode tötet jegliches Leben im Umkreis und verhindert das Nachwachsen der kleinen Fische. Auch der Fischer selbst gefährdet Leib und Leben. „Trotzdem”, sagt Tassos, „gibt es immer noch einige unverbesserliche Kriminelle, die an abgelegenen Orten Dynamit benutzen.”
„Ich bin nicht wirklich Fischer von Beruf,” sagt Tasssos, während er uns in die Küche seines 300 Jahre alten Hauses in Kamini führt. Er setzt sich an einen kleinen Tisch neben dem traditionellen „Innenbrunnen”; seine Mutter ist in der anderen Ecke der Küche über ihre Häkelarbeit gebeugt.
Tassos war „Radio Operator” in der griechischen Handelsmarine und hatte später ein Fuhrunternehmen in den USA, aber schließlich, wie so viele Hydrioten, ist er auf seine Heimatinsel zurückgekehrt.
Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist seither der Fischfang.
Warum?
Tasso strahlt uns an und antwortet: „Ich bin frei da draußen auf dem Meer. Ich fühle die Schönheit um mich herum.
Und Ihr müßt verstehen, daß ich nicht hinausfahre, um mich mit den Fischen oder mit dem Meer zu messen: ich messe mich mit mir selbst.”





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